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Bilder und Momente, die nachwirken

Donnerstag, 11. Februar 2010 | © rechtsstaat-mexiko.de

Was bleibt nach ein paar Tagen von dieser beindruckenden und, quantitativ wie qualitativ, wirklich großen Konferenz? Für viele TeilnehmerInnen sind es sicherlich auch die Begegnungen und Gespräche mit den MenschenrechtsverteidigerInnen aus Mexiko, die ein so außergewöhnlich breites Spektrum verkörpern, von bekannten JournalistInnen aus der Hauptstadt, über scharfsinnige AnalytikerInnen, deren Organisationen landesweit arbeiten, bis hin zu ungewöhnlich vielen VertreterInnen von Basisorganisationen, die kaum jemals sonst ein derartiges Podium zur Verfügung haben und miteinander teilen.

Genau diese gemeinde-orientierten Basisgruppen aus dem äußersten Norden und dem Süden Mexikos  haben teils noch hart erkämpfte und international begleitete Spielräume zum Verwirklichen neuer Konzepte, teils scheinen sie vor einem Abgrund zu stehen, an dem jeder Schritt nach vorne das endgültige Aus bedeuten kann. Auf den Podien wurden anspruchsvolle und vielfältige Strategien zur Durchsetzung eine integralen Menschenrechtskonzeptes entworfen, für die Schreiberin dieser Zeilen, die aus der Perspektive des kleinen Nachbarlandes Guatemala auf die Ereignisse blickt, sind es aber zunächst Augenblicke und Pausen zwischen Sätzen, die nachwirken:

Fotofinale

Fotofinale · © 2010 · Hinrich Schultze

Da ist das große Fotofinale auf der Treppe der Heinrich-Böll-Stiftung (siehe auch das Video). Ganz vorne die unglaublich fröhliche, ausgelassene Gruppe aus Oaxaca, lachend und stolz zugleich, vier Frauen und zwei Männer, die Avantgarde hinter der mexikanischen Fahne. Mittendrin lacht am allermeisten Pedro Matás. Mir scheint das ganze Gesicht, der ganzen Körper drückt das Abfallen einer großen Anspannung und den Genuß dieses Augenblicks aus. Für Pedro ist es vielleicht der letzte Moment um sich ein bißchen zuhause zu fühlen – ausgerechnet hier auf dieser Treppe im kalten Berlin. Seine MitstreiterInnen werden wieder abreisen und er bleibt, muß bleiben. Pedro ist Lokaljournalist aus Oaxaca, Vertreter, dessen was er und seine KollegInnen „humanen Journalismus“ nennen, also ein professionell-kritischer, aber solidarischer Begleiter der sich nach 2006 radikalisierenden sozialen Bewegungen, und das hätte er beinahe mit dem Leben bezahlt. Dank internationaler Solidarität kam Pedro nach Entführung und Folter frei und ist nun Stipendiat der Stiftung für politisch Verfolgte in Hamburg. „Warum ich?“ sagte er in seinem Vortrag auf dem Podium und bezog das nicht darauf, dass man ihn „hochgenommen“ habe, wie der mexikanische Euphemismus für gewaltsames Verschleppen heißt, sondern auf seine andauernde Verwunderung darüber, dass gerade er einer der ganz wenigen Auserwählten sei, die hier ein vorübergehendes Exil erhielten. Und er sprach von seinem Entschluß, „das Gesicht zu zeigen“ öffentlich, mit allen Konsequenzen. Es ist ein Entschluß, der täglich Kraft fordert, keine Selbstverständlichkeit.

Der zweite Moment, der „hängenblieb“, ist das Stocken von Willivaldo Delgadillo aus Ciudad Júarez, als er die naßforsche Frage aus dem Publikum beantworten sollte, was seine Organisation „Pacto por la Cultura“ denn nun mache, wenn es nicht mehr die kulturellen Aktivitäten in den Stadtvierteln seien, die sein Präsentationsvideo gezeigt habe. Ja, was macht man, wenn man nicht mehr arbeiten kann, weil die Sicherheit all derer, mit denen man vor Ort arbeitet und die keinen Namen und keine internationale Bekanntheit haben, so gefährdet ist, dass sie kaum mehr auf die Straße gehen können – dorthin, wohin man jetzt eigentlich gehen müßte, um breiten Protest loszutreten? Willivaldo ist ein eloquenter Redner, aber er stockte so bei der Antwort, als wollte seine Stimme versagen, als kämen die Wörter einfach nicht aus seinem Mund. Und für Sekunden wirkte er wie abwesend, fast als wollte er gleichohnmächtig vom Stuhl rutschen, bis er schließlich mit vielen Pausen zwischen den Worten sagte: „Von denen, die ihr im Video gesehen habt, sind schon mehrere tot, der junge Rapper und andere…“